„Wenn ich ein Ziel vor Augen habe, dann scheiß' ich drauf und mach es einfach!

Noora Louhimo, Frontwoman von Battle Beast, im virtuellen Plausch mit Dark Divas über das neue Album „Circus of Doom”, mentale Stärke, übergriffige Fans und Iron Maiden Vocalist Bruce Dickinson.

Elena von Dark Divas

ELENA VON DARK DIVAS

21. Jan 2022

Battle Beast
Noora Louhimo
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Wie geht es dir, Noora?

Noora: Mir geht es sehr gut, vielen Dank! Und dir?

Mir auch! Ich arbeite von daheim, wohne in einer Wohnung mit großen Fenstern, und kann so jeden Abend den Sonnenuntergang genießen. So kleine Sachen machen mich derzeit sehr happy.

Noora: Ja, wem sagst du das! Es ist super wichtig, kleine und "normale" Dinge wertzuschätzen, die das Leben einem bringt.

Eine große, sehr coole Sache, ist euer neues Album, das heute (Anm: 21. Jänner 2022) released wird. Es trägt den Namen „Circus of Doom“ – wo seht ihr den Untergang?

Noora: Ich mag die Frage sehr. Ich denke, das ist die wichtigste Frage unserer Zeit. Der Untergang der Welt ist der Egoismus der Leute. Menschen verstehen oft nicht, dass wir alle eins sind. Wir sind getrieben von Geld und Habgier. Damit zerstören wir alles um uns herum. Uns selbst, die Natur, unsere Nächsten. Wenn wir nicht versuchen, gut für andere, gut für die Welt zu sein, dann wird uns das irgendwann den Kopf kosten. Deshalb sollten wir versuchen, weniger selbstsüchtig zu sein und uns zu retten, solange wir es noch können. Wir müssen uns fragen, was ein Leben wirklich "reich" macht. Ist es Geld? Oder ist es einfach zu existieren? Das würde unsere Situation sehr verändern.

Bist du eine Person, die sich den Mitmenschen und der Natur sehr verbunden fühlt?

Noora: Ja! Ich glaube, dass wir uns alle gegenseitig brauchen – auch wenn wir uns nicht kennen. Ich habe viel darüber gelesen, was unsere Aufgabe auf dieser Welt ist. Wir müssen uns mehr darauf konzentrieren, was wir zur Allgemeinheit beitragen können, anstatt uns immer nur mit uns selbst zu beschäftigen.

Ist die Sinnfrage des Lebens etwas, dem ihr beim Songwriting nachgeht?

Noora: Das Ding ist: Ich schreibe unsere Songs nicht. Ich bin die Sängerin, die Geschichtenerzählerin, wenn man so will. Die Jungs, die die Songs schreiben, sind natürlich von anderen Aspekten des Lebens geprägt. Wenn die ersten Entwürfe eines Textes stehen, werde ich oft dazu gerufen, um meine Meinung zu sagen. Manchmal ist das schwer, vor allem, wenn wir uns nicht einig sind. Songwriting ist nicht nur Jubel, Trubel, Heiterkeit. Es ist ein anspruchsvoller Prozess. Ab und an fließen dabei auch die Tränen. (lacht) Aber das macht es magisch! Und ich sage immer: Wenn du beim Kreieren der Musik nicht alles gibst, dann hast du auch keine emotionale Verbindung dazu. Darum drücke ich gerne mal den Finger in die Wunde, wenn getextet wird. Aber grundsätzlich schreiben Joona (Gitarre) und Janne (Keyboard und Gesang) alle Texte selbst. Eines kann ich dennoch sagen: Die Songs handeln nicht nur vom realen Leben und realen Ereignissen. Wir werden auch von Filmen, Büchern, Videospielen, der Liebe und vielem mehr inspiriert. Auf dem neuen Album erzählen wir verschiedene Geschichten.

Apropos emotionale Verbindung: Gibt's auf ** „**Circus of Doom" einen Song, der dir besonders am Herzen liegt?

Noora: Ja, der Opening-Track „Circus of Doom". Ich liebe den Song! Er steht für das  gesamte Album und zeigt uns in der neuen Haut, in die wir mit dieser Platte geschlüpft sind. Ich mag die Dramaturgie und die Dynamik. Außerdem gefällt es mir, dass ich meine Stimme auf dem Track vielfältig einsetzen konnte. Der Song wird den Fans eine neue Seite an mir, als Sängerin, zeigen.

Du hast eine Stimme mit viel Power, sanft und hart liegen dir gleichermaßen. Wie hältst du deine Stimmbänder fit?

Noora: Es ist Magie! (lacht) Nein, Spaß beiseite. Es ist eine Kombination aus verschiedenen Dingen. Die drei "heiligen" Faktoren sind Ernährung, Sport und Schlaf. Etwas, das ebenfalls sehr wichtig ist, ist mentale Gesundheit. Wenn du ins Studio gehst und nicht in der richtigen Stimmung, im richtigen Mindset für den Song bist, dann musst du ihn später wahrscheinlich neu aufnehmen. Ich hasse es, wenn mir das passiert. Wenn ich keinen Bock habe, aber aufnehmen muss und in eine Ich-muss-Arbeiten-Stimmung komme, dann geht's total schief. Singen ist nicht nur technisch. Viel passiert im Kopf. Wenn es dir im Kopf gut geht, dann kannst du abliefern.

Euer Stil wird oft als Power-Metal mit Pop-Einflüssen beschrieben. Kannst du mit dieser Schublade etwas anfangen?

Noora: Das stimmt teilweise. Wir haben Songs mit Pop-Einflüssen, aber auch Elemente aus dem Rock. Heutzutage gehen wir sogar in die orchestrale und theatralische Richtung. Das ist auch die Richtung, die ich gerne mit der Band einschlagen möchte. Das haben wir mit dem neuen Album geschafft. Nichtsdestotrotz finde ich es gut, dass wir eine Mischung beibehalten. Mit unserer Musik bekommt jeder ein bisschen von dem, was er mag.

Du bist auch Solo unterwegs – 2021 hast du dein Debut ** „**Eternal Wheel of Time And Space" released. Warum hast du dich dazu entschieden, auch alleine etwas auf die Beine zu stellen?

Noora: Ich schreibe Songs, seit ich einen Stift halten kann. Es war einfach an der Zeit. Über 10 Jahre lang habe ich davon geträumt und geplant, etwas eigenes zu machen. Jedoch fand ich nie die Zeit dazu. Dann ging die ganze Welt in Lockdowns und ich hatte diesen Moment, in dem ich dachte:  „Noora, das Schicksal spricht zu dir, mach jetzt dein Solo-Album." Also tat ich es einfach. Mit Eternal Wheel of Time and Space habe ich mich gleichzeitig irgendwie auf das neue Battle Beast Album vorbereitet. Nach dem Solo-Projekt hatte ich noch Energie, ich wollte noch mehr geben. Der Band, den Fans und mir selbst.

Back to Battle Beast: Ihr seid schon mit vielen Bands auf der Bühne gestanden, u.a. Nightwish und Sabaton. Du hast ein Featuring mit Amaranthe und Hammerfall. Gibt es Kolleg*innen aus der Szene, die dir nahestehen?

Noora: Ich habe mich über die Jahre gut mit Elize Ryd (Amaranthe) angefreundet. Angefangen hat es mit meinem Feature auf  „Strong". Außerdem traten wir beide bei einem finnischen Weihnachts-Heavy-Metal-Konzert auf. 2021 konnten wir endlich gemeinsam performen und uns den Backstage-Bereich teilen. Wir hatten also noch mehr Möglichkeiten uns besser kennen zu lernen und Freundinnen zu werden.

Was war bisher dein schönster, verrücktester oder coolster Moment auf Tour?

Noora: Als wir beim Wacken Open Air gespielt haben. Ich fühlte mich, als würde ich schweben oder sowas – als wäre ich nicht mehr in meinem Körper! (lacht)

Etwas an das ich mich noch gerne erinnere ist, als ich 2016 auf dem Rock Fest Barcelona mein größtes Idol getroffen habe: Bruce Dickinson (Frontman Iron Maiden). Er war Backstage und einer meiner Bandkollegen meinte nur:  „Hey Noora, flipp' jetzt nicht aus, aber da hinten steht Bruce Dickinson." Ich musste einfach rübergehen, hallo sagen und ein Foto mit ihm machen. Ihm bedeutete es wahrscheinlich nicht viel, er hat ja Millionen Fans. Aber für mich war es super wichtig ihm zu sagen, dass er meine größte Inspiration ist.

Wie hat er reagiert, war er freundlich?

Noora: Er war nett, ja. Er war gerade in ein Gespräch verwickelt als ich rüber ging und ihn ansprach, aber er schien kaum irritiert davon. Und so hab' ich meinen Fangirl-Moment bekommen. Wenn ich ein Ziel vor Augen habe und etwas haben will, dann scheiß' ich drauf und mach es einfach, rede die Leute einfach an – selbst wenn es der Präsident wäre. (lacht)

Wo wir gerade von Konzerten sprechen: Ihr werdet 2022 durch Europa und Nordamerika touren – was für ein Gefühl ist das, nach vielen Lockdowns bald wieder international auf der Bühne stehen zu können?

Noora: Die Europa-Tour haben wir ja verschoben, leider. Die Tourdaten in den USA stehen noch, aber wir haben keine Ahnung, ob sich das in den kommenden zwei Monaten noch ändern wird. Das macht mich ein bisschen traurig. Gleichzeitig möchte ich aber, dass wir verantwortungsvoll agieren. Gesundheit hat oberste Priorität – ich will nicht, dass unsere Fans oder jemand aus der Band gesundheitlichen Schaden davon trägt, nur weil ich unbedingt zurück auf die Bühne will. Ich hoffe einfach, wir bekommen unser normales Leben bald wieder zurück und können dann gemeinsam Live-Musik genießen. Eines ist sicher: Eines Tages werden wir wieder auf der Bühne stehen und darauf solltet ihr euch besser gefasst machen! Dann gibt's 3.000 Prozent Battle-Beast-Power für alle.

Wie hat die Pandemie eure Musik beeinflusst?

Noora: Wir haben keine Pandemie-Songs geschrieben, aber wir mussten anderweitig ein wenig aufpassen und uns danach richten. Ein paar Leute in der Crew wurden krank. Da bekommt man natürlich Angst und verschiebt gewisse Pläne auf einen späteren Zeitpunkt. Während den Aufnahmen haben wir uns nie gemeinsam an einem Ort aufgehalten. Jeder hat für sich selbst aufgenommen. Die Isolation war nicht so toll. Trotz allem haben wir ein Album auf die Welt gebracht. Und für mich ist es das beste Battle Beast Album bisher – die Pandemie hatte also doch noch was Gutes!

Ein weiteres weniger erfreuliches Thema ist Sexismus in der Metal-Szene. Du bist seit über 10 Jahren im Business. Wie oft wurdest du als Frau in der Branche sexistisch angemacht?

Noora: So oft, dass ich es schon gar nicht mehr zählen kann. Manchmal gehe ich mit Humor damit um – je nach Situation. Schlussendlich werde ich mich und andere aber immer verteidigen, wenn es nötig ist. Leider kommen die meisten Übergriffe aus dem Publikum. Es gibt Leute, die versuchen mich zu packen und zu küssen. Sie rufen mir Sachen hinterher und behandeln mich wie ein Objekt. Wenn ich mich wehre, fühlen sie sich falsch behandelt. Die Leute denken sie besitzen einen und können tun und lassen, was sie wollen, weil sie ein Ticket für die Show bezahlt haben.

Nach einem Gig in Spanien zog ich mich im Bus zurück, um zu schlafen. Ich fühlte mich nicht danach, noch Autogramme zu geben und Fotos zu machen. Aber ein Haufen Fans versuchte in den Bus zu gelangen. Sie waren wütend, weil ich nicht bereit war raus zu kommen. Sie haben rumgeschrien und an die Busfenster getrommelt. Es war ein traumatisches Erlebnis. Ich konnte nicht glauben, dass sich Leute so aufführen.

Ich frage mich bei solchen Geschichten immer, ob echte Fans sich wirklich so benehmen würden.

Noora: Das weiß ich nicht. Vielleicht stimmt mit manchen irgendwas nicht. Eine ausgeglichene Person würde sowas nämlich nie tun.

Lass uns zum Abschluss noch eine kleine Zeitreise machen: Euer erstes Album „Steel” kam 2011 raus, ein Jahr später kamst du zur Band. Welche Gefühle kommen in dir auf, wenn du an diese Zeiten zurückdenkst?

Noora: Teil von Battle Beast zu werden war die beste Entscheidung meines Lebens. Damals war ich Sängerin für verschiedene Genres. Ich hatte eine kleine Identitätskrise und wusste nicht genau, welchen Weg ich gehen sollte. Als die Jungs mich gefragt haben, ob ich in die Band will, sagte ich mir selbst:  „Okay Noora, das Schicksal will es, das Universum schenkt dir diese Möglichkeit!" Ich hab' zwar bis dahin noch nie Metal gesungen, entschied mich aber dafür die Challenge anzunehmen und ins kalte Wasser zu springen. Und hier bin ich – zehn Jahre später und immer noch am Schwimmen. (lacht)

Hast du dich nie gefragt, was gewesen wäre, wenn du das Angebot abgelehnt hättest?

Noora: Ich mag den Satz  „Was wäre wenn" nicht. Ich bereue gar nichts – auch nicht die Fehler, die ich gemacht habe. Und wenn ich entscheiden muss, dann lebe ich lieber ein Leben, in dem ich Dinge bereue, die ich gemacht habe, als dass ich es bereue, Dinge nicht gemacht zu haben.

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