Dark Divas Exclusive

Dark Divas im Gespräch mit Ad-Infinitum-Frontfrau Melissa Bonny über das neue Album “Chapter II – Legacy”, Inspiration und künstlerische Freiheit.

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Melissa, vor knapp einem Jahr haben wir uns auch online getroffen, um über „Chapter I – Revisited“ zu sprechen. Fast auf den Tag genau ein Jahr später, sitzen wir hier und reden über euer neues Studioalbum „Chapter II – Legacy“. Das ging schnell. 

Melissa: Wir hatten einfach viel Zeit, weil wir ja nicht auf Tour gehen konnten. Wir haben deshalb beschlossen, wir schreiben weiter an neuen Songs. Wir wollten auch nicht ein Album veröffentlichen und dann verschwinden, bis Touren wieder möglich wird. Für uns war klar, wir machen einfach weiter m it neuen Nummern. Es war auch das Einzige, was wir tun konnten, ohne von anderen Faktoren abhängig zu sein.

Ohne Covid wäre „Chapter II – Legacy“ nicht so rasch erschienen?

Melissa: Definitiv nicht. Wir haben „Chapter I – Monarchy“ im April 2020 veröffentlicht. „Chapter I – Revisited“ kam im Dezember 2020. Und jetzt kommt „Chapter II – Legacy“. Das hätten wir mit einem dichten Tourplan nicht geschafft.

Ihr hattet also genug Zeit, um kreativ zu sein. Dennoch: Woher holt ihr euch die notwendige Inspiration?

Melissa: Wir schreiben die Lieder zusammen. Jeder bringt etwas ein, wir inspirieren uns gegenseitig. Und bei den Texten ist es so, dass unsere Hauptinspiration eine historische Figur war: Vlad Dracula. 

Warum habt ihr ihn gewählt?

Melissa: Wir haben sehr viel darüber diskutiert, welche Figur als Inspiration für das Album passen könnte. Er ist einfach ein spannender Charakter. Für manche Leute war er ein Volksheld. Für manche das Gegenteil. Wenn du Dracula sagst, denken die meisten Leute sofort an Vampire. Wir dachten, bei dieser Persönlichkeit gibt es so viele Aspekte, über die wir schreiben und erzählen können. Das hat ihn zum perfekten Thema beziehungsweise zur perfekten Inspiration für das Album gemacht.

Der Albumtitel Legacy ist also auch eine Referenz an Vlad Dracula?

Melissa: Ja, auch. Aber der Titel ist ebenso im Zusammenhang mit uns zu verstehen. Legacy (Anm.: Erbe, Vermächtnis, Hinterlassenschaft) ist etwas, das auch nach dem Tod bleibt. Das gilt für Dracula – aber natürlich auch für uns. Das Album ist für uns als Band Teil unseres Vermächtnisses. Hoffentlich bleibt es und inspiriert nächste Generationen.

Der erste Track auf dem Album heißt „Reinvented“. Habt ihr euch neu erfunden?

Melissa: Nein, da geht es eher darum, dass sich die Geschichte immer wiederholt. Was auch immer gerade passiert – in der Politik, überall – es wird wieder passieren. Zu anderen Zeiten, in anderen Situationen, andere Generationen werden es erleben – aber es wird sich wiederholen.

In der Ankündigung eures Labels heißt es, ihr geht bei diesem Album über die Grenzen des Symphonic Metals hinaus. Wie ist das zu verstehen?

Melissa: Wir haben uns dieses Mal selbst auf eine andere Art herausgefordert. Wir wollten unsere Fähigkeiten etwas anders nutzen. Das erste Album ist auf eine andere Weise entstanden. Da habe ich anfangs die Songs allein geschrieben, ohne meine Bandkollegen. Sie waren damals noch gar nicht in der Band, da das Ganze als mein Solo-Projekt begann. Ich habe damals auch mit Produzenten gearbeitet, da ich nicht alles allein machen konnte. Die Ideen kamen von mir, aber ich habe nicht die Fähigkeiten eines Gitarristen oder eines Drummers. Da habe ich Unterstützung benötigt – und die Jungs kamen erst zu einem späteren Zeitpunkt dazu, als das Songwriting schon zur Hälfte durch war. Die Jungs hatten Einfluss auf das Album – aber die Richtung war schon vorgegeben. Das war dieses Mal eben anders. Wir haben alles gemeinsam geschrieben. Und: Wir haben uns entschieden, ohne Produzenten zu arbeiten.

Wieso das?

Melissa: Wir wollten ein Album, das zu 100 Prozent von uns ist. Wir wollten an und über unsere Grenzen gehen. Das Ergebnis ist etwas, das immer noch Symphonic Metal ist. Aber du hörst Dinge, die du normalerweise nicht im Symphonic Metal hören würdest – oder, die ich zumindest noch nicht gehört habe. Wir sind musikalisch härter und dunkler geworden. Gleichzeitig moderner. Metalcore-Einflüsse sind ebenfalls da. Wenn du diese Akzente richtig setzt, fügt es der Musik einen spannenden Aspekt hinzu, ohne den Sound komplett zu verändern. Wir klingen immer noch wie Ad Infinitum.

Wie war die Arbeit ohne Produzenten?

Melissa: Da wir vier dieses Mal alle zusammengearbeitet haben, haben wir gesagt, wir wollen auf unsere Fähigkeiten vertrauen. Wir wollten sehen, ob wir ein ganzes Album allein produzieren können. Ein Produzent gibt dir eine gewisse Sicherheit. Er hat alles im Blick. Ein Produzent führt dich. So sehr wir unser erstes Album lieben, einige Dinge waren sehr nach Schema F. Wir wollten uns selbst beweisen: Wir können das allein. Diese totale Freiheit, die du dann hast, ist ein gutes Gefühl. Wir wollten dieses Album komplett zu unserem machen. Das Gefühl haben, die Band hat das zusammen geschaffen.

Werdet ihr in Zukunft weiterhin selbst produzieren?

Melissa: Ich denke schon. Weißt du warum? Uns hat das Resultat enorm gefallen. Wir hatten am Anfang Respekt davor. Fragten uns, ob das Album gut werden wird. Ob es sich wie ein Album und nicht nur wie Songs, die wir zusammengepackt haben, anfühlen wird. Jetzt ist ein Album aus einem Guss. Ja, ich glaube, wir werden so weiterarbeiten. Es fühlt sich sehr gut an.

Du growlst mehr als zuvor? Musstest du das hart trainieren?

Melissa: Ja, ich growle mehr. Die clean vocals dominieren aber nach wie vor. Für mich hat es Sinn gemacht, das Growlen verstärkt einzusetzen. Es passt sehr gut zur allgemeinen Energie des Albums. Verstärktes Stimmtraining war nicht notwendig, aber ich war nach den Aufnahmen erschöpfter als üblich. (lacht)

Reden wir über die Zusammenarbeit in der Band. Das letzte Mal habt ihr alle remote gearbeitet. Ist das immer noch so?

Melissa: Das ist so. Es hat sich etwas verändert, weil wir auf Festivals gespielt haben und uns getroffen haben, auch für die Aufnahmen unserer Online-Show. Wir kennen uns jetzt schon viel besser. Aber wir arbeiten immer jeder von sich zu Hause aus und das funktioniert sehr gut für uns.

Wir sah der Aufnahmeprozess dieses Mal aus?

Melissa: Nik (Niklas Müller) hat die Drums in seinem Studio aufgenommen. Adrian (Adrian Thessenvitz) hat die Gitarren in seinem Studio aufgenommen. Korbi (Korbinian Benedict) den Bass ebenso. Ich war bei Jacob Hanson Studios, um die Vocals aufzunehmen. Für Mix und Master haben wir uns alle bei Jacob Hanson getroffen.

Am 6. November gibt es eine Online-Release-Show. Kannst du uns da schon ein paar Einblicke geben, wen oder was dürfen wir erwarten?

Melissa: Wir spielen das gesamte Album „Chapter II – Legacy“ plus ein paar Tracks von „Chapter I – Monarchy“ und einige Akustiknummern. Zudem haben wir vier Gäste zur Show eingeladen. Alea (Jörg Roth) von Saltatio Mortis, Madeleine (Liljestam) von Eleine, Hans (Platz) von Feuerschwanz und Linda (Laukamp) von Eklipse.

Warum diese vier?

Melissa: Die Pläne für die Show haben während Covid begonnen. Wir haben uns deshalb auf Leute fokussiert, die in und um Deutschland wohnen, damit wir den Plan umsetzen können. Wir wollten einen Gitarristen dabeihaben. Hans (Platz, Feuerschwanz) war unsere erste Wahl. Wir wollten auch jemanden, der Afterlife mit mir performt. Für das Album haben wir den Song mit Nils Molin von Amaranthe/Dynazty aufgenommen. Für die Release-Show haben wir Alea (Jörg Roth) von Saltatio Mortis gefragt. Wir hatten noch nie zusammengearbeitet und wollten das unbedingt mal tun. Er ist ein brillanter Sänger und eine großartige Person. Linda (Laukamp) von Eklipse wurde uns von einem Freund von Korbi empfohlen. Ich kannte sie von einer Zusammenarbeit mit Kamelot. Mit Madeleine wollte ich seit langer Zeit zusammenarbeiten. Wir waren schon öfters in Kontakt.

Du hast gerade Nils Molin und Afterlife erwähnt. Er singt mit dir das Duett auf dem Album. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Melissa: Die Zusammenarbeit war genial. Ursprünglich hatten wir zwar andere Pläne. Ihr Album „The Dark Delight“ und unseres „Chapter I – Monarchy“ kamen beide letztes Jahr zur ungefähr gleichenZeit raus. Wir hatten an eine gemeinsame Single gedacht. Das ist aber nicht zustande gekommen. Nils hatten wir aber immer im Hinterkopf. Als wir die Demos vom Album hatten, haben wir ausgewählt, welche Nummer am besten zu seiner Stimme passen würde, welche Nummer aber auch als Duett funktionieren könnte. Die Zusammenarbeit war richtig super und wir waren natürlich noch glücklicher über seine Mitarbeit am Video. Das hat nochmal mehr Spaß gemacht.

Die Videos zu Afterlife und Unstoppable sind ja sehr feurig.

Melissa: Die Dreharbeiten waren spitze.Es war sehr kalt, aber die Flammen haben uns gewärmt (lacht). Mein hoher Adrenalinspiegel hat auch seinen Teil dazu beigetragen. Wenn du siehst, wie das Set eingerichtet wird und du die Flammenkünstler bei der Arbeit beobachtest, dann wir dir klar: „Wow, das passiert jetzt gerade wirklich.“ Wir haben in der Nacht in einem Schloss (Anmerkung der Redaktion: Magic Castle in Seefeld, Tirol) gedreht und die Flammen haben das ganze Gelände erleuchtet. Das war magisch. Du vergisst die Kälte und performst einfach, fühlst den Vibe.

Habt ihr eine Tour in Planung?

Melissa: Es sind zwei, eventuell sogar drei Tourneen in Planung. Aber mehr kann ich noch nicht sagen. Es wurde auch schon einiges wieder verschoben. Wir müssen die Covid-Entwicklung abwarten.

Wir sind schon bei der letzten Frage angekommen. Der letzte Satz des Albums lautet „I carried on“ – wie sieht es mit euch aus, macht ihr weiter und sehen wir uns hier in einem Jahr mit „Chapter III“ wieder?

Melissa: Oh mein Gott. (lacht) In einem Jahr, ich weiß nicht. Es wird wieder viel von unserem Programm abhängen. Ob wir Touren können oder nicht. Ich würde sagen: ein Jahr ist eventuell etwas zu optimistisch. Aber wir machen auf jeden Fall weiter.

Möchtest du noch was zu euren Fans auf Dark Divas sagen?

Melissa: Einfach, dass wir uns darauf freuen, das neue Album zu präsentieren und hoffen, dass unsere Fans es genau so lieben werden, wie wir es tun.

Das Interview führte Ursula für dark-divas.com.

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