Dark Divas Exclusive

Charlotte Wessels hat mit Dark Divas über ihr erstes Solo-Album “Tales From Six Feet Under”, über ihren neuen Sound, ob sie je wieder in einer Metal-Band zu hören sein wird – und das Aus von Delain geplaudert.

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Charlotte, herzlichen Glückwunsch zu deinem ersten Solo-Album „Tales from Six Feet Under“. Wie fühlst du dich?

Charlotte Wessels: Es ist eine sehr intensive Zeit für mich. Ich bin das erste Mal ganz allein. Bisher war ich es gewohnt, die Freude in dieser Phase und auch die schwierigeren Dinge teilen zu können. Allein zu sein, ist gleichzeitig das Beste und das Schwierigste. Ich freue mich, dass jetzt alle hören können, woran ich gearbeitet habe.

Du hast seit Beginn der Pandemie jeden Monat einen Song auf Patreon veröffentlicht und tust das weiterhin. Wie ist es dazu gekommen?

Charlotte: Über die Jahre hinweg habe ich viele Songs gesammelt, die nicht zu Delain gepasst haben. Ich habe lange überlegt, was ich damit machen könnte und habe etwas gesucht, was ich gut mit Delain verbinden kann. Und Patreon erschien mir eine gute Lösung. Ich mochte die Plattform bereits als Follower gerne. Also dachte ich, sie könnte für mich als Creator ebenso gut funktionieren. Dennoch wäre es wegen Covid fast nicht dazu gekommen. Im Februar 2020 fand eine meiner letzten Reisen vor der Pandemie statt. Es ging zum Patreon-Sitz in San Francisco. Ich wollte den Launch meines Channels auf meinen Geburtstag, den 13. Mai, legen – quasi als Geschenk an mich. Und mit Covid kam dann das Gefühl auf: Es ist keine gute Zeit, Menschen um Geld zu bitten. Ich hatte überlegt, mit Patreon zu warten, bis die Pandemie vorbei ist. Jetzt bin ich aber sehr froh, dass ich das nicht getan und durchgezogen habe. Die ersten Rückmeldungen waren so positiv, dass ich weitermachen wollte. So habe ich seit Mai 2020 jeden Monat einen Song veröffentlicht und mache das auch weiterhin. Vielleicht gibt es schon bald ein Volume 2 von „Tales from Six Feet Under“. (lacht)

Hatte die Pandemie auch Einfluss auf deinen neuen Sound?

Charlotte: Nein. Aber ohne Covid hätte ich wahrscheinlich intensiver mit anderen Musiker*innen zusammengearbeitet und mehr Leute in den gesamten Entstehungsprozess involviert. Ich habe für „Tales form Six Feet Under“ ja nur den Mix- und das Mastering ausgelagert, alles andere kam von mir. Aber Covid war nicht der einzige Grund, warum ich alles solo machte. Ich durchlebte die Trennung von Delain. Wenn du so lange mit den gleichen Menschen zusammengearbeitet hast und dann ist es von heute auf morgen vorbei, ist das ein traumatisierendes Erlebnis. Allein zu arbeiten gab mir ein Gefühl der Sicherheit.

Du hast gesagt, viele der Songs waren bereits vor dem Aus von Delain da. War es von deiner Seite dennoch eine sehr bewusste Entscheidung, deinem Solo-Album einen komplett anderen Sound zu verpassen?

Charlotte: In meinem Kopf hatte ich die Vorstellung, dass ich Patreon für jene Songs nutze, die nicht nach Delain klingen und es nie auf ein Delain-Album schaffen würden. Für mich hätte dieses Projekt ansonsten auch keinen Sinn gemacht. Hinzu kommt, dass der Sound anders ist, weil ich komplett anders produziert habe. Bei Delain waren es große Produktionen. Hier machte ich alles in meinem Studio. Alles wurde von mir programmiert – auch die Gitarren. Die Songs sind sehr persönlich und kompromisslos entstanden. Es ist meine Musik. Vielleicht klingt mein erstes Album auch deshalb so ganz anders. Metal ist für mich aber weiterhin sehr wichtig. Meine neuesten Veröffentlichungen auf Patreon gehen auch wieder mehr in Richtung Metal.

Deine Musik ist nicht leicht zu schubladisieren – das ist großartig. Wie würdest du sie selbst beschreiben?

Charlotte: Ich habe das Album nicht als Album geschrieben. Die Nummern sind unabhängig voneinander entstanden. Deshalb ist es für mich ein Compilation-Album. Vielleicht ist der Sound deshalb schwer zu beschreiben. Manche Nummern gehen mehr in Richtung dunkler Alt-Pop – „FSU“ wurde schon als Symphonic Pop beschrieben. Das hat mir irgendwie gefallen. Aber das ist eben nur ein Song. Mein Sound ist nach wie vor moody und alternativ, bewegt sich zwischen Alt-Pop bis zu Symphonic Rock – all diese Dinge sind zu hören. Auf dem einen Track mehr als auf dem anderen.

Viele Metal-Portale, Magazine und Websites, unter anderem auch wir, haben dein Solo-Debut sehr positiv aufgenommen, obwohl deine Platte eben kein Metal-Album ist. Wie erklärst du dir das?

Charlotte: Das hat mich schon erleichtert. Eine der ersten Kritiken, die ich gelesen habe, war von einer Metal-Seite. Sie war sehr negativ. Und die einzige Begründung war: „Das ist kein Metal“. Es wäre einfach gewesen, ein paar Leute aus der Szene einzuladen und mit ihnen eine Metal-Platte zu machen. Diesen Weg habe ich bewusst nicht gewählt. Heute bin ich sehr froh darüber, da ich sehe, dass die Menschen sehr offen für meine Musik sind. Ich habe das auch immer an der Metal-Szene geliebt: Es ist eine offene Gemeinschaft. Es macht Freude zu sehen, dass sich diese Offenheit auch in den Kritiken widerspiegelt. Versteh mich nicht falsch: Negative Kritiken machen mir nichts aus. Wenn jemand zu mir sagt, er mag die programmierten Drums nicht, er möchte den realen Sound hören, dann ist das legitim und kann ich nachvollziehen. Dass ist eben Geschmacksache. Wenn aber jemand sagt: „Das ist nicht Metal und deshalb ist es schlecht“, dann wäre es vielleicht einfach besser, das Album nicht zu rezensieren.

Reden wir ein wenig über die Songs. Es ist fast ein reines Charlotte-Album – mit ein paar Ausnahmen. Etwa „Cry Little Sister“. Die Kinder der 1980er kennen den Song noch aus dem Film „The Lost Boys“. Wie hat es dieser Song auf deine Compilation geschafft?

Charlotte: Es war ein totaler Zufall. Ich muss zugeben, der Film ging in meiner Kindheit an mir vorbei. Er kam in meinem Geburtsjahr (Anm.: 1987) ins Kino. Der Film und einige Referenzen dazu tauchten aber immer wieder in meinem Umfeld auf. Das hat alles so cool ausgehen. Die Vampire mit ihren Mullets und den Lederjacken. Die ganze Ästhetik hat mir gefallen. Nach einer intensiven Arbeitsphase hatte ich mir vorgenommen: „Jetzt machst du ein Wochenende lang nichts und schaust dir diesen 80s-Film an.“ Und das erste, was du hörst, ist der Kinderchor zu „Cry Little Sister“. Ich war sofort besessen davon. Ich sah die erste Szene und hörte den Sound dazu und den Rest des Wochenendes verbrachte ich damit, die Cover-Version aufzunehmen. Das ist der einzige Grund, warum der Song auf der Platte ist.

Bei „Afkicken“ singst du erstmals in deiner Muttersprache. Wie fühlt sich das an?

Charlotte: Es ist neu für mich, aber ein sehr schönes Erlebnis. Bei einem neuen Song fange ich oft mit einer kleinen Melodie und ein paar Textzeilen an, diese sind oft in niederländisch. Wenn ich das Gefühl habe, es könnte gut sein, dann übersetze ich es ins Englische. Ich schaue, ob es auch dort funktioniert. Mit „Afkicken“ war es das erste Mal so, dass ich mir dachte: „ich muss es nicht übersetzen, ich versuche es auf niederländisch“. Es war eine interessante Erfahrung. Englische Texte zu verfassen, ist für mich selbstverständlich. Bei englischen Lyrics bin ich zufrieden, wenn ich es schaffe, die Botschaft zu vermitteln, ein paar gute Metaphern zu finden, wenn der Text zur Musik passt und sich das Ganze vielleicht auch noch reimt. In meiner Muttersprache bin ich mir der sprachlichen Klischees oder abgedroschener Phrasen viel bewusster. Es ist also ganz anders, aber gut. Ich mache es vielleicht wieder einmal.

Du postest oft Bilder auf Instagram mit den Hashtags #artisalie #nothingisreal. Deine Musik ist aber sehr offen, sehr ehrlich, sehr authentisch. Wie denkst du über Kunst als die einzige Wahrheit?

Charlotte: Es ist eine kuratierte Wahrheit. Ich glaube nicht an die absolute Wahrheit. Ich glaube, es gibt viele Leute, die die in den sozialen Medien dargestellte Welt als tatsächliche Wahrheit, als das tatsächliche Leben, sehen. Dem ist nicht so und wir wissen das eigentlich. Es sind bewusst ausgewählte Momente – Highlights eben. Wir zeigen das, was wir möchten, dass es gesehen wird. Wir posten nur Dinge, wenn wir uns gut fühlen – nicht, wenn wir weinen. Das möchte ich zum Ausdruck bringen. Ich bin mir meiner eigenen Eitelkeit bewusst. Ich bin eine Künstlerin, die gerne im Mittelpunkt steht. Ich mag den Applaus und all diese Dinge. Auch ich habe die Tendenz, Dinge bewusst so zu präsentieren, dass sie besser aussehen, als sie eigentlich sind – mich selbst eingeschlossen. (lacht) Ich möchte zeigen, dass wir auf Social Media nur eine Seite sehen. Deshalb verwende ich den Hashtag #artisalie. Übrigens: Die Aussage „art is a lie“ habe ich von Bo Burnham (Anmerkung: US-amerikanischer Comedian und Filmemacher). Seit ich ihn als Hashtag verwende, ist Bo Burnham viral gegangen. Das finde ich schön. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: ich mag deinen Zugang dazu. Denn es ist sehr oft so, dass Kunst mehr Wahrheit enthält, als das oberflächliche Bild, das wir von uns selbst präsentieren.

Was viele Fans brennend interessiert: Werden wir dich wieder als Frontfrau einer Metal-Band sehen?

Charlotte: Ich weiß es nicht. Zuerst möchte ich meine Songs auf die Bühne bringen. Wie erwähnt, sind meine neuen Nummern wieder härter. Ob mein zukünftiger Sound so sein wird, dass es als Metal bezeichnet werden könnte, kann ich nicht sagen. Ich möchte diesbezüglich auch keine Versprechungen machen.

Was können wir von dir in den kommenden Monaten erwarten – wird es eine Tour geben?

Charlotte: Ich habe darüber nachgedacht. Zuerst würde ich gerne ein paar Probekonzerte machen und dann natürlich gerne auf die Bühne zurückkehren. Aber ich sehe auch, wie viele Touren aktuell wegen Covid wieder verschoben werden. Die guten Nachrichten: ich möchte unbedingt wieder auf die Bühne. Die schlechten Nachrichten: es wird wahrscheinlich noch dauern. Ich gebe mir zudem selbst noch Zeit, um das Delain-Aus zu verarbeiten. Aktuell macht es für mich vor allem keinen Sinn, Dinge zu planen, wenn sie ohnehin wieder abgesagt werden müssen.

Kommen wir am Schluss noch auf Delain zu sprechen. Wie schwer war das Aus für dich – und wie geht es dir heute damit?

Charlotte: Delain war als Musikerin mein ganzes Leben – und das 16 Jahre lang. Es war nicht leicht, das Ende zu akzeptieren. Und es ist nach wie vor schwierig für mich, der Trennung etwas Positives abzugewinnen. Was mir aber hilft: wir hatten viel Zeit, alles zu bereden. Wir haben einen großen Teil des Jahres 2020 damit verbracht, Lösungen zu suchen. Ich empfinde es als tragisch, dass wir keinen Weg gefunden haben. Inneren Frieden gibt mir aber, dass ich weiß, dass es keine Alternative zur Trennung gab. Das ändert aber nichts daran, dass es mich nach wie vor traurig macht.

Wie ich mich aktuell fühle? Ich bin sehr dankbar, dass ich nach wie vor Musik machen kann. Jetzt, da das Album herauskommt und ich in den Interviews immer wieder nach Delain gefragt werde, kommt vieles wieder hoch. Die Trennung war einfach eine der größten Veränderungen in meinem Leben. Aber: Ich bin sehr glücklich dort, wo ich jetzt bin. Ich habe zum Beispiel vorher noch nie einen Song produziert. Warum auch. Aber wie sich gezeigt hat, bereitet mir das richtig viel Freude.

Das Interview führte Ursula für dark-divas.com.

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