Temperance – Hermitage, Daruma's Eyes Pt.2

„Hermitage – Daruma’s Eyes Pt. 2“ markiert einen bedeutenden Wendepunkt für Temperance und die Premiere für die neue Sängerin Kristin Starkey. Das Konzeptalbum bietet eine fesselnde Heldenreise mit stimmlicher Vielfalt und ergibt ein eindrucksvolles Werk, das Symphonic Metal nicht neu erfindet, aber auf jeden Fall Spaß macht.

4.5
Christian von Dark Divas

CHRISTIAN VON DARK DIVAS

13. Okt. 2023

Review
Temperance
Kristin Starkey
Image

Nach zehn Jahren präsentiert sich die umtriebigen Symphonic Metal-Formation Temperance aus Italien auf ihrem Konzeptalbum „Hermitage – Daruma’s Eyes Pt. 2” nicht nur mit einer musikalischen Veränderung, sondern wird fortan auch von Kristin Starkey als neuer Sängerin und Marco Sacchetto an den Drums unterstützt. Nach dem überraschenden Abgang von Alessia Scolletti (Gesang) und Alfonso Mocerino (Drums) kurz vor der Europatour als Support von Tarja (ex-Nightwish) und mit einem beinahe fertig aufgenommenen Album im Kasten, denkt die Band nicht ans Aufgeben, sondern kommt stärker als je zuvor zurück und schafft es, einen eigenständigen Sound zu kreieren, der frischen Wind in das Genre bringt.

Einen großen Anteil daran hat nicht zuletzt die herausragende Stimme von Kristin, geprägt von jahrelanger Erfahrung in der Oper. Sie bringt einen frischen Kontrast zu den beiden anderen Sängern Marco Pastorino (Gesang/Gitarre) und Michele Guaitoli in die Band. Auch an Gastmusiker*innen wurde nicht gespart und so führt Arjen Lucassen (Ayreon) als Erzähler durch das Konzeptalbum, während die Sänger*innen Fabienne Erni (Eluveitie, Illumishade), Alessandro Conti (Twilight Force) und Laura Fella (Faun) eigene Charaktere darstellen, die den Titelhelden Viktor auf seiner Reise durch den verwunschenen Ort Hermitage begleiten.

Wir begeben uns auf die Reise

Der Titeltrack und Opener „Daruma” zeigt sofort, wohin die Reise geht. Mit choralen Gesängen und eingängigen Riffs werden keine Gefangenen gemacht und der Refrain hat sich sofort als Ohrwurm in meine Gehörgänge eingebrannt. Auch wird die stimmliche Vielfalt der Band eindrucksvoll aufgezeigt, während sich eine epische Klangwelt im Hintergrund aufbaut. Dass sich sogar kurz einmal ein Anflug von Blastbeats hören lässt, passt perfekt in den Stimmungsaufbau. Nachdem uns Erzähler Arjen Lucassen in die Geschichte einführt, wird der Refrain zum Abschluss noch einmal dazu genutzt, um zu versichern, dass  mir dieser Ohrwurm dauerhaft erhalten bleibt.

In ähnlichem Tempo geht es weiter und die Band zeigt, dass sie ihr Handwerk nicht nur beherrscht, sondern mittlerweile zur Perfektion gereift hat. Die folgenden Tracks sind eine gelungene Mischung aus epischen Aufbauten, schnellen Drums und eingängigen Riffs, immer garniert durch Stimmen, die nicht nur in Kontrast zueinander stehen, sondern wunderbar ergänzen. Kitsch hält sich angenehm im Hintergrund und zumindest mir gelingt es, von Track zu Track weiter in die Welt von Hermitage einzutauchen. Der vierte Song, „Welcome to Hermitage”, startet so bombastisch, dass ich mir das Intro auch als Untermalung einer epischen Seeschlacht im 18. Jahrhundert vorstellen könnte, doch wird dieser Bombast gleich von einer ruhigen Passage, in der nicht nur alle Sänger*innen der Band, sondern auch Fabienne Erni und Laura Fella zum Zuge kommen, unterbrochen. Garniert von Flöten und Chimes könnte diese Passage leicht in kitschige Klischees abdriften, doch die Band schafft es auch hier, die Balance zu halten und eine stimmige Mischung abzuliefern, bevor das Tempo wieder angezogen wird und Kristin Starkey zeigen kann, welche stimmliche Vielfalt sie zu bieten hat. Und wieder ein Refrain mit Ohrwurm-Potential; das können Temperance einfach.

Trotz musikalischer Vielfalt bleibt der rote Faden

No Return” steuert erst rockigere Gefilde an, während das Symphonische zu jeder Zeit präsent bleibt; vor allem wenn Kristin gegen Ende des Tracks ihre Opernstimme auspackt und perfekt orchestriert zum Einsatz bringt. Auf den folgenden Tracks zeigt sich, dass zwar gerne dasselbe Schema angesteuert wird und sich die Songs ähnlich aufbauen. Dennoch gelingt es der Band, instrumental und stimmlich so zu variieren, dass das Album in einem Einheitsbrei abdriftet. Und auch wenn es kurze Einbrüche im Spannungsaufbau zur Mitte des Album gibt, so ist es Temperance sehr gut gelungen, die Aufmerksamkeit der Hörer*innen an sich zu binden und die Heldenreise von Viktor stimmig fortzuführen. Mit „Into the Void” wird das letzte Drittel des Albums eingeläutet und hier zeigt die Band, dass deren Konzept nicht nur mit klassischen symphonischen Klängen funktioniert, sondern auch wenn das Tempo angezogen wird und sich der Bassist Luca Negro austoben darf. Über all dem stehen immer die Stimmen, die einzelne Charaktere der Geschichte zu Wort kommen lassen und nicht gegen- sondern klar miteinander singen. Dadurch, dass jede*r Sänger*in eine eigene Nische abdeckt und dennoch das stimmliche Potential ausnutzen kann, entsteht eine Mischung, die zu keiner Zeit Langeweile aufkommen lässt.

Die obligatorische Ballade

Mit „Where we Belong” werden ruhigere Töne angeschlagen und die obligatorische Ballade findet auch noch ihren Platz auf dem Album. Von Streichern und Klavier begleitet, begibt sich das Album in seichtere Gewässer. Temperances Stärke sind eindeutig deren Vielseitigkeit sobald etwas Tempo im Spiel ist, und nach dieser etwas schwächeren Nummer zieht die Band mit „Full of Memories” wieder an und lässt epische Riffs, garniert mit schönen Orchestrationen sprechen. Mit „Cliff” wird das Album würdig abgeschlossen und in 7:44 werden noch einmal alle Stilmittel, die diese Band ausmachen, in den Ring geworfen. Der Track baut sich langsam auf und ergänzt die Stimmen erst um ein Klavier und später Streicher, bevor nach zwei Minuten wieder chorale Gesänge übernehmen und die restliche Band noch einmal Gas gibt um schlussendlich das Ende der Erzählung durch Arjen Lucassen einzuläuten.

Temperance erfinden den Symphonic Metal nicht neu, zeigen aber eine beachtliche Weiterentwicklung; sowohl stimmlich, als auch musikalisch. Die drei Sänger*innen harmonieren ausgezeichnet miteinander und man hört der Band an, dass die neue Konstellation nicht nur frischen Wind in den eigenen Sound bringt, sondern auch das perfekte Vehikel ist, um die Geschichte des Konzeptalbums zu tragen. Anstatt Alessia Scolletti nur zu ersetzen, bringt Kristin Starkey ihr eigenes Gesangspotential eindrucksvoll in die Band ein und ergänzt die bestehenden Sänger mit ihrer stimmlichen Dynamik. Vor allem im Titeltrack kommt diese Mischung grandios zur Geltung. Das Album erlaubt sich nur minimale Durchhänger und die Reise von Viktor durch den verwunschenen Ort Hermitage wird beinahe zu jeder Zeit immersiv erzählt und lädt zum Träumen ein. 

Release: 20. Oktober 2023

Tracklist

1    Daruma
2    Glorious
3    A Hero Reborn
4    Welcome to Hermitage
5    No Return
6    In Search of Gold
7    Join Me
8    Trust no one but You
9    Darkness is just a Drawing
10    Into the Void
11    Brand new Start
12    Where we Belong
13    Full of Memories
14    Cliff

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