„Ich habe erkannt, dass ich zu weit mehr fähig bin, als ich je angenommen habe“

Im Interview mit Dark Divas gewährt Epica-Frontfrau Simone Simons Einblicke in die Entstehung des neuen Albums „Aspiral“, spricht über die vielseitigen Inspirationsquellen von Kunst bis Weltall, den besonderen Schreibprozess der Band und die aufregende musikalische Weiterentwicklung ihres Sounds.

Amanda Dizdarevic

AMANDA DIZDAREVIC

4. Apr. 2025

Interview
Epica
Simone Simons
Epica, Simone Simons

Das große Release eures Albums „Aspiral“ steht kurz bevor. Wie erlebst du diese spannende Phase? Bist du eher nervös oder lässt du die Vorfreude ruhig auf dich wirken?

Simone: Ich bin aufgeregt, aber auf eine sehr gesunde Art und Weise! Wir haben bereits drei Songs veröffentlicht, und dazu noch „The Ghost In Me (Danse Macabre)“, auch wenn dieser Titel nicht auf dem Album ist, und bald kommt auch noch eine vierte Single. Die Spannung steigt, vor allem weil die Platte seit September letzten Jahres fertig ist und wir quasi wie auf einem goldenen Ei sitzen – man will es einfach mit der Welt teilen! 

Nicht mehr lange, dann ist es so weit! Bevor wir aber in das Innere von „Aspiral“ eintauchen, lass uns über das Artwork sprechen: Es ist inspiriert von der gleichnamigen Bronzestatue des polnischen Künstlers Stanisław Szukalski. Was hat euch an seinem Werk so beeindruckt, dass es Teil eures kreativen Prozesses wurde?

Simone: Das war eigentlich eine Reihe von Zufällen. Wir stehen beispielsweise in Kontakt mit den Machern der Netflix-Dokumentation „Struggle: The Life and Lost Art of Szukalski“, die sich mit dem Leben dieses Künstlers beschäftigt. Während eines Aufenthalts in Los Angeles hatten wir dann die Gelegenheit, seine Werke live zu sehen – und waren sofort fasziniert.

Als wir dann mit den Arbeiten am Album begannen, schrieb Rob (Anm.: Bassist Rob van der Loo) einen Song, der von Szukalski inspiriert war. Dieser Song wurde schließlich unser Titeltrack. Wir waren so begeistert davon, dass wir ihn direkt in unsere Sessions aufgenommen haben. Ich habe daraufhin begonnen, einen Text zu schreiben, der ebenfalls von diesem Kunstwerk beeinflusst war. Im Kern geht es darum, aus einer zerstörten Welt etwas Neues zu erschaffen – ein mühsamer Weg, der aber auch Stärke verleiht. Dieses Motiv taucht immer wieder in unseren Songs auf. 

Schließlich entschieden wir, dass „Aspiral“ der passende Name für unser Album ist. Viele glauben jedoch, dass das gesamte Album von Szukalski inspiriert wurde – dabei bezieht sich diese Inspiration ausschließlich auf den Titelsong.

Und was genau hat die anderen Songs geprägt und inspiriert?

Simone: Da gibt es viele verschiedene Einflüsse! Zum einen endet mit diesem Album die „A New Age Dawns“-Reihe, die das Erwachen eines neuen Bewusstseins in der Menschheit behandelt – die Erkenntnis, dass nur ein gemeinsames Handeln die Welt vor dem Untergang bewahren kann. Auch Tarotkarten sowie Legenden und Geistergeschichten aus meiner Heimat, den Niederlanden, flossen in die Texte ein. Ein gutes Beispiel ist das Schloss in Hoensbroek und die mysteriöse „Blue Lady“ – eine Geschichte, die definitiv lesenswert ist.

Ein ganz anderes Thema wird in „Fight To Survive – The Overview Effect“ aufgegriffen: Der Song thematisiert das tief bewegende Gefühl von Astronauten, wenn sie aus dem All auf die Erde blicken und sich der Zerbrechlichkeit und Schönheit unseres Planeten bewusst werden. Diese Perspektive passt hervorragend zu den aktuellen Diskussionen rund um den Klimawandel. Und zu guter Letzt gibt es auch eine sehr persönliche Komponente auf dem Album: Mark (Anm.: Vokalist und Gitarrist Mark Jansen) hat seiner neugeborenen Tochter den Song „Darkness Dies In Light“ gewidmet.

Ein wirklich breites Themenspektrum!

Simone: Absolut! Unsere Songs spiegeln sowohl die Dunkelheit der Welt als auch die Hoffnung wider, die selbst in schwierigen Zeiten besteht. Diese Dualität drücken wir nicht nur in den Texten, sondern auch im Artwork des Albums aus: Die Sonne ist immer da – und egal, wie düster es scheint, es gibt immer die Möglichkeit, aus Negativem etwas Positives zu machen. Doch ohne Herausforderungen und Kämpfe gibt es keinen Fortschritt – genau daran wächst man als Mensch.

Diese Songs sind in einer einzigartigen Atmosphäre entstanden: Ihr habt euch extra ein ganzes Haus gemietet, um euch voll und ganz auf das Songwriting konzentrieren zu können. Wie war das für dich? 

Simone: Ja, das hatten wir in ähnlicher Form bereits bei „Omega“ (2021) gemacht, damals allerdings nur für eine Woche. Weil uns diese kreative Auszeit so gutgetan hat, haben wir für „Aspiral“ insgesamt drei Wochen angesetzt – allerdings über ein paar Monate verteilt. Drei Wochen am Stück wären einfach nicht machbar gewesen, da fast alle von uns Kinder haben, die ihre Mama oder ihren Papa brauchen.

Zwischen diesen „Writing Camps“ hat sich aber jeder von uns individuell weiter mit den Songs auseinandergesetzt. So konnten wir bei jedem neuen Treffen auf bereits Erarbeitetem aufbauen und die Ideen gezielt weiterentwickeln. Für uns ist dieses Konzept die beste Art, Musik zu schreiben, denn wir leben nicht alle im selben Land. Durch diese gemeinsame Zeit konnten wir uns komplett auf den kreativen Prozess einlassen – fernab vom Alltag und allen Ablenkungen.

Hattet ihr das Haus ganz für euch oder war noch jemand dabei?

Simone: Unser Produzent Joost van den Broek war ebenso dabei, was den gesamten Entstehungsprozess noch intensiver gemacht hat. Es war eine besondere Erfahrung: Morgens saßen wir gemeinsam beim Frühstück, tagsüber wurde mit voller Hingabe an der Musik gearbeitet, und abends haben wir zusammen gekocht. 

Gab es besondere Momente aus dieser Zeit, an die du dich besonders gerne erinnerst?

Simone: Oh ja, es gibt viele schöne Erinnerungen! Ich denke immer wieder gerne daran zurück, wie die Musik aus jedem Zimmer drang, weil jeder gleichzeitig an den Songs arbeitete. Nachts lag ich oft schon im Bett und konnte nicht schlafen, während Isaac (Anm.: Gitarrist Isaac Delahaye) noch bis spät in die Nacht Gitarre gespielt hat. Aber das fand ich nicht schlimm – ganz im Gegenteil, ich habe oft neugierig gelauscht und gedacht: „Wow, das wird richtig großartig“.

Unser Haus stand außerdem auf einem kleinen Hof, den wir mit vielen Hühnern teilten. Diese spazierten gerne durch unser Wohnzimmer und, naja, hinterließen auch ihre Spuren.

Und wer hatte das zweifelhafte Vergnügen, diese Spuren zu entfernen?

Simone: (lacht) Ich habe es ein paar Mal gemacht. Windeln wechseln ist eine Sache, aber Hühnerkacke ist dann doch ein anderes Level.

Da hast du recht, aber immerhin waren es „nur“ Hühner.

Simone: (lacht) Ja, zum Glück gab es dort keine Kühe – das hätte ich definitiv nicht weggemacht!

Also der Schreibprozess ähnelt in gewisser Weise dem des ersten Albums, aber was würdest du sagen, macht das neue Werk einzigartig im Vergleich zu den vorherigen?

Simone: Mit „Aspiral“ haben wir versucht, uns nicht unbedingt zu modernisieren, aber uns weiterzuentwickeln und als Band neue musikalische Horizonte zu erkunden. Nach „Omega“ haben wir mit „The Alchemy Project“ (2022) viel mit anderen Musikerinnen und Musikern zusammengearbeitet und experimentiert, was uns richtig gut getan hat. Das Feedback unserer Fans war großartig, und so haben wir beschlossen, diesen experimentellen Ansatz auch im neuen Werk fortzuführen.

Wie sah der Aufnahmeprozess aus? 

Simone: Der Aufnahmeprozess war dieses Mal auch wieder anders. Bei „The Alchemy Project“ haben die Jungs – Schlagzeug, Gitarre und Bass – gleichzeitig aufgenommen, was sonst nicht üblich ist, da jedes Instrument normalerweise einzeln aufgenommen wird. Diese Herangehensweise verlieh der Musik eine viel authentischere, „live“ klingende Atmosphäre, und genau das haben wir auch bei dieser Platte wieder umgesetzt. Was „Aspiral“ jedoch ganz besonders macht, ist die ausgewogene Balance zwischen Orchestermusik und der Band. Wir haben bewusst darauf geachtet, dass jedes Instrument seinen Platz findet, ohne dass die Musik überladen wirkt, sodass sie atmen kann.

Ich bin unheimlich stolz auf das, was wir erreicht haben, und habe das Gefühl, dass wir als Band erneut einen bedeutenden Schritt nach vorne gemacht haben. Natürlich sind wir inzwischen einige Jahre älter, die Pandemie liegt hinter uns, und wir sind weiser und reifer geworden. Aber wir sind nach wie vor hungrig darauf, neue musikalische Welten zu entdecken und Epica noch schöner und faszinierender zu machen.

Auf welche musikalische Richtung spielst du da konkret an?

Simone: Mit „Aspiral“ haben wir schon viele verschiedene Dinge ausprobiert, und das hat gut funktioniert. Momentan habe ich noch keine konkrete Vorstellung, was als Nächstes möglich wäre. Persönlich mag ich zum Beispiel den Sound von Rammstein und generell Industrial Metal, und es wäre spannend zu sehen, ob wir in Zukunft noch einmal so etwas wie „The Alchemy Project“ machen könnten – mit neuen Künstlerinnen und Künstlern. Vielleicht finden wir eine interessante Verbindung, die auch gut zu Epica passt. 

Letztes Jahr im August hast du dein Solo-Debütalbum „Vermillion“ veröffentlicht, auf dem du dich gesanglich von einer etwas anderen, rockigeren Seite zeigst. Würdest du sagen, dass „Vermillion“ auch „Aspiral“ in gewisser Weise beeinflusst hat?

Simone: Auf jeden Fall! „Vermillion“ hat mir die Möglichkeit gegeben, viel zu experimentieren. Ich habe meine Vocals direkt mit Ariën (Anm.: Schlagzeuger Ariën van Weesenbeek) aufgenommen, und wir haben viel ausprobiert. Durch diese Erfahrung habe ich nicht nur neue Facetten meiner Stimme entdeckt, sondern auch mehr Selbstvertrauen gewonnen. Ich habe erkannt, dass ich zu weit mehr fähig bin, als ich je angenommen habe – und genau dieses neue Vertrauen steckt in „Aspiral“.

Zum Abschluss eine etwas andere Frage: Wenn „Aspiral“ ein Film wäre, in welchem Genre würde sich die Platte bewegen? 

Image of Band

Epica

Epica ist eine niederländische Symphonic-Metal-Band, deren Musik die Kraft des Metals mit orchestralen Elementen und einem weiblichen Operngesang vereint. Die Band wurde 2002 gegründet und ist bekannt für ihre epischen Klanglandschaften und lyrischen Themen.

Mitglieder

Simone Simons - Vocals Mark Jansen - Guitar, Growling Isaac Delahaye - Guitar Rob van der Loo - Bass Coen Janssen - Keyboards Ariën van Weesenbeek - Drums

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Simone: Ich stelle mir „Aspiral“ als einen epischen Fantasy-Film vor, ähnlich wie „Der Herr der Ringe“, aber mit einer anderen Botschaft. In unserer Geschichte geht es nicht darum, einen Ring zu vernichten, sondern ihn als Symbol für Hoffnung, Stärke und Erleuchtung zu nutzen. Jeder sollte Zugang zu dieser Kraft haben, um etwas Gutes zu bewirken, anstatt sie für Zerstörung einzusetzen. 

Und wer wäre deiner Meinung nach die perfekte Besetzung für diesen Film?

Simone: Oh, da würde ich trotzdem auf Ian McKellen setzen – Gandalf persönlich! Er hat eine unglaubliche Ausstrahlung, diese beruhigende Art und eine Stimme, die einen sofort fesselt. Er wäre auch perfekt als Erzähler, der die Geschichte von „Aspiral“ zum Leben erweckt.

Vielen lieben Dank für das Interview, Simone! 

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