Dark Divas Exclusive

Anna Brunner im Gespräch über ihr Debut mit League of Distortion, verzerrte Realitäten und die Schublade “Female Fronted”.

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Wie geht’s dir, Anna

Anna: Super! Es ist alles mega busy gerade. Es ist verrückt, wie viele Dinge vor einem Album-Release anstehen. Wir haben in Mannheim eine Release-Party geplant, bei der wir unser Debut feiern wollen. Es wird nicht langweilig. 

Wie fühlt es sich an, euer Debut endlich präsentieren zu dürfen?

Anna: Es fühlt sich super an! Langsam war es auch an der Zeit, dass das Album das Licht der Welt erblickt, weil wir schon relativ lange daran arbeiten. Nach dem Release der ersten drei Singles sind wir mit sehr guter Resonanz beglückt worden, also wir sind sehr gespannt auf die Reaktionen auf das komplette Album. 

Wie lange arbeitet ihr schon daran? 

Anna: Seit 2020, kurz bevor Covid ausgebrochen ist. Dieser Stillstand von heute auf morgen hat mich dazu gebracht, mich endlich hinzusetzen und die Gedanken und Pläne, die ich schon länger hatte, zu verfolgen. Die Pandemie hat mir den Raum gegeben, meine Idee von einer Band, die noch ein bisschen mehr bietet, als “nur” Musik, zu verwirklichen. 

Und wie lautet eure Mission abseits der Musik? 

Anna: League of Distortion ist für mich ein Gemeinschaftsgefühl – “join the league!”. Wir möchten die Leute nicht nur dazu aufrufen, die Musik zu hören und auf Konzerte zu gehen. Sie sollen sich auch mit dem von uns geschaffenen Universum auseinandersetzen und sich vom Gemeinschaftsgefühl anstecken lassen. Unser Traum ist es, eine große Community aufzubauen. Das fängt natürlich bei uns Band-Mitgliedern an, aber da gehören auch unsere Produzenten, Videographen, Make-Up-Artists und alle anderen Leute dazu, mit denen wir arbeiten. Irgendwann auch mit den Fans close zu sein und gemeinsam größere Events umzusetzen, das wäre mega. 

Wie habt ihr überhaupt zueinander gefunden? 

Anna: Jim kenne ich schon seit ich mit Kissin’ Dynamite zusammenarbeite. 2019 haben wir gemeinsam angefangen ein paar Songs zu schreiben, aber da hatten wir noch kein Bandprojekt im Kopf. Das war nur, um im Studio ein bisschen zu jammen und was zu schreiben. Dabei haben wir gemerkt, dass wir musikalisch und menschlich gut zueinander passen. Die anderen beiden kenne ich ebenfalls schon seit Ewigkeiten. Mit Felix hab’ ich schon zig Covergigs gegeben. Er hat mich vor allem in meinen musikalischen Anfängen begleitet und war immer an meiner Seite. Tino durfte ich vor sechs Jahren kennenlernen, wir haben ein paar Mal miteinander performt und die Connection ist geblieben. 

Ihr sagtet mal, Geschichten aus der Realität ungeschönt, teils provokant und persönlich zu erzählen und dabei ein wenig die Perspektive zu verzerren (wie auch euer Name schon sagt), sei der inhaltliche Grundpfeiler eures Albums. Mit welchem Song ist euch das deiner Meinung nach besonders gut gelungen? 

Anna: I’m A Bitch. Der Song ist extrem. Sehr mutig – auch musikalisch. Auch von der Message her – direkt, aber doch indirekt, inklusive provokantem Schluss. 

Ist der Song dein persönlicher Favorit? 

Anna: Vor der Frage hatte ich schon Angst! (lacht) Es ist wirklich sehr schwer einen Favoriten auszuwählen. Ich hab’s letztens bei den Proben gemerkt: Selbst die Songs, die nicht in meinen Top 5 sind, spielen wir live und dann kommt da so viel Energie rüber, dass ich mir denke: “Whaaat, dass ist ja mein neuer Lieblingssong, was geht denn hier ab?” (lacht) Aber: Wolf or Lamb beschreibt uns als Band sehr gut. My Revenge liebe ich auch, weil da so viel Emotion und Ärger drin stecken. Aber so könnte ich durch die ganze Liste weitergehen. 

Euer Emblem erinnert an eine Rune, eure Outfits und auch das Makeup an Krieger vergangener Zeiten. Eure Lyrics – beispielsweise in Wolf or Lamb – sind teils märchenhaft aufgebaut und erzählen von innerer Zerrissenheit, Kampf und Schmerz. Was hat es damit auf sich?

Anna: Bei Wolf or Lamb wollten wir gezielt in die Märchenrichtung gehen, mit Bezug zu den Gebrüdern Grimm. Das kriegerische sehe ich vor allem bei den Looks. Da kommt ein wenig Gaming-Charakter raus. 

Ich finde es witzig, dass du das sagt. Die erste Assoziation, die ich bei den Videos hatte, war: Ha, die sehen aus wie Spielfiguren aus League of Legends oder Eldenring. Feier ich! 

Anna: Ich bin keine große Gamerin, aber der Rest der Band war gleich am Start und hat da diverse Gaming-Assoziationen freigesetzt. Trotzdem ist League of Distortion für mich im Hier und Jetzt. Wir sind in einem eigenen Universum, in dem man sich anders fühlen kann, als im Alltag. Aber es soll keine Fantasiewelt oder Traumwelt sein, in die wir unsere Fans einladen. Es soll Realität sein und den Leuten mit den Songs und mit dem Community-Feeling Sicherheit und Stärke geben. 

Habt ihr euch beim Produzieren der Platte von anderen Künstlern und Musikern inspirieren lassen? 

Anna: Ich glaube schon. Man lässt sich ja immer inspirieren. Und wenn es nur ist, dass man irgendwas anhört oder ein Video schaut und sich denkt “Find ich geil” oder “Find ich überhaupt nicht geil”. Inspiration aus Metal, Metalcore und Pop war da, aber wir haben nicht versucht, irgendwas zu sein, das wir nicht sind. Das Schöne war, dass wir komplett frei unsere Ideen layouten und schon relativ früh mit unserem Produzenten arbeiten konnten. Wir hatten dieses “Wir müssen das jetzt so oder so machen” einfach nicht im Hinterkopf. Das haben wir sehr genossen. 

Für eure Single “It Hurts So Good” habt ihr euch im Featuring Christoph von Annisokay ins Boot geholt. Wie kam es dazu? 

Anna: In unseren Anfängen arbeitete ich mit dem Produzenten von Kissin’ Dynamite, Hannes Braun, zusammen. Wir haben uns dann ziemlich schnell Christoph und Julian Breucker (Sawdust Recordings) als weitere Produzenten ins Boot geholt. So entstand die erste Connection. Dass er jetzt als Feature auftaucht, ist erst gegen Ende zur Idee geworden. Wir wollten Abwechslung reinbringen – und für mich bereichert es die Platte sehr, ihn mit dabei zu haben. Ich find’s einfach schön, wenn man ein Album durch hört und jeder Song etwas Besonderes an sich hat.

Welche Musiker würdest du dir für weitere Featurings wünschen?  

Anna: Gute Frage! Den Sushi von Ghostkid würde ich cool finden, wegen seinem Shouting. Oder ein Feature mit Eminem. 

Eminem? Scherz oder Ernst? 

Anna: Ja, so ein Rapping-Approach – warum nicht? Könnte auf jeden Fall polarisieren! (lacht

Du schreibst nicht nur für euch, sondern auch für Kissin’ Dynamite und andere. Wie schaffst du es, Ideen zu trennen und die Lyrics so auszuarbeiten, dass die Songs der verschiedenen Bands nicht alle gleich klingen? 

Anna: Das ist ähnlich, wie beim Komponieren. Dort lässt du dich auf verschiedene Musikrichtungen ein, beim Texten ist das genauso. Da bin ich immer im Vibe der Band, für die ich schreibe. Ich habe für alle einen eigenen Wordflow und versetze mich in das Genre, um dann in einem Stil zu schreiben, der zur Band passt. Das ist super spannend.

Ihr wurdet sofort bei Napalm Records unter Vertrag genommen. Was für ein Gefühl ist das zu wissen: Wir haben einen Deal bei einem großen Metal-Label?

Anna: Das ist wirklich ein Traum. Vor allem, weil ich von ganz unten komme und weiß, wie es ist, alles alleine zu machen. Nicht die Unterstützung, das Network und das Know-How eines Labels zu haben. Weil wir uns mit League of Distortion schon lange Gedanken darüber machen, was wir wollen und keine musikalische Selbstfindungsphase von drei Alben gebraucht haben, ist es besonders schön gleich so ein Label hinter uns zu haben. Sie stärken uns und helfen uns, die Band auf ein Level zu bringen, das wir uns wünschen. 

Ihr hattet eure erste Show vergangenen Sommer – wie war es für dich, das erste Mal gemeinsam die Bühne zu rocken? 

Anna: Das war krass. Die Energie, die wir auf der Bühne hatten, zusammen mit dem Publikum – das werde ich niemals vergessen. Die Crowd hatte ja bisher nur einen Song gehört, der bis dahin unreleased war, und trotzdem sind die richtig heftig abgegangen. Das war ein wunderschönes Gefühl, auch nach der Show. Wir waren im siebten Himmel. 

Hat man nach so vielen Jahren Bühnenerfahrung eigentlich noch Lampenfieber?

Anna: Immer! Das zeigt mir, dass es mir wichtig ist. Ich will meine ganze Energie geben. Und wenn es dann doch mal vorkommt, dass ich kein Lampenfieber habe, vermisse ich es ein bisschen. 

Schauen wir ein wenig in die Zukunft: Worauf dürfen sich eure Fans im kommenden Jahr freuen?

Anna: Wir haben direkt im Anschluss zum Release eine Tour mit Caliban und Ghostkid. 6 Dates. Das ist das erste Weihnachten für uns dieses Jahr. (lacht) Endlich auf die Bühne, endlich die Reaktionen der Menschen erfahren. Und dann stehen ein paar Sachen an, über die ich leider noch nicht sprechen darf. 

Unsere Mission bei Dark Divas ist es, Frauen im Metal sichtbar zu machen und mit der Schublade “Female Fronted” zu brechen. Metal ist Metal. Wie siehst du das?

Anna: Ich fühle mich nicht als Female-Fronted-Metal-Künstlerin. Ich bin eine Frau, ja. Darauf hatte ich aber keinen Einfluss. Ich singe, so wie ich singe. Und ich finde, es ist super wichtig, die Frauen in der Metalszene zu stärken, weil wir halt doch in einem sehr männerdominierten Genre unterwegs sind. Es ist leider so, dass der Sexismus uns Frauen oft begegnet – im Kleinen wie im Großen. Bei mir wars eher im Kleinen. Es ist krass, wenn man über gewisse Situationen nachdenkt und einem dann klar wird: “Wow, okay, das lief jetzt so ab, einfach weil ich eine Frau bin.” Mir fällt das im Moment oft nicht auf, weil ich mich nicht gleich als Opfer sehe. Oder denke, dass jeder mich klein halten will, nur weil ich eine Frau bin. Aber wenn man es im Nachhinein realisiert, ist es schon scheisse.

Das Interview führte Elena von Dark Divas.