Dark Divas Exclusive

Die EPICA-Frontfrau im Gespräch mit Dark Divas über das neue Album Omega, ihre Sehnsucht nach der Bühne, Schreiben als Therapie – und Frust in Zeiten von Covid.

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Simone, auf kein anderes Album mussten sich EPICA-Fans so lange gedulden wie auf euer achtes Studioalbum Omega, das nun am 26. Februar veröffentlicht wird – fünf Jahre nach „The Holographic Principle“. Wie wichtig war die Pause für dich und die Band?

Simone Simons: Sehr wichtig, weil wir uns von Beginn unserer Karriere an nie eine Auszeit gegönnt haben. Wir haben immer wieder Songs geschrieben und Platten aufgenommen – auch während wir auf Tournee waren. Das Tempo war einfach sehr schnell und irgendwann waren die Batterien leer. Dann haben wir gesagt: Wir haben jetzt so lange und so hart gearbeitet – wir gönnen uns jetzt eine Auszeit. Auch, um wieder motiviert und frisch an eine neue Platte gehen zu können.

Ihr bleibt eurem Stil auf Omega treu, wagt keine Stil-Experimente – und trotzdem zeigt das Album eine deutlich weiterentwickelte Seite von EPICA. Die Songs fügen sich harmonisch ineinander, ergeben ein musikalisch-stimmiges Gesamtbild – ähnlich einer epischen Sinfonie. Ist das etwas, was ihr im Songwriting von Anfang an forciert habt – oder, ganz banal gefragt, „passiert“ das einfach?

Simone: Der Großteil passiert einfach. Beim Songwriting kommen sechs kreative Köpfe zusammen – auch wenn jeder von uns einen anderen Stil hat. Für Omega wollten wir einen organischen Sound. Unsere vergangenen zwei Alben waren sehr vollgepackt, sehr energetisch – es gab keine wirklichen Ruhepole. Einfach „in your face“. (lacht) Wir wollten wieder etwas zurück, mehr Dynamik und Transparenz reinbekommen und mehr Spielraum für Gesang schaffen. Normalerweise kommt der Gesang erst am Ende des Songwritings. Dieses Mal haben wir früher im Prozess mit Gesang experimentiert und die Songs dann angepasst.

Wie schwierig ist es, die unterschiedlichen Ideen und Vorstellungen von sechs gewachsenen Künstlern in ein stimmiges Ganzes zu gießen, hinter dem auch alle stehen?

Simone: Das ist ein Geben und Nehmen. Man kann sich nicht in allem durchsetzen und Recht bekommen. Alle fünf Jungs haben Songs geschrieben. Und der Komponist des jeweiligen Songs hat dann auch das letzte Wort. Natürlich gibt es Sachen, die man aus seiner Sicht vielleicht gerne anders gemacht hätte. Aber so ist das halt, wenn man das als Team zusammen macht.

Obwohl ihr ein glückliches Händchen beim Timing hattet, zog die Pandemie auch der Produktion das eine oder andere Mal einen Strich durch die Rechnung. Du musstest deine Vocals in einem anderen Studio und fernab eures Produzenten aufnehmen. Funktionieren diese Cloud-Produktionen, wie sie derzeit viele Bands machen, gut?

Simone: Ja, eigentlich schon. Wir hatten ein gutes Studio gefunden und ich habe da meine ersten Erfahrungen mit Zoom gemacht. In diesem Studio haben sie zwei Tage lang, bevor ich meinen Gesang aufgenommen habe, mit Joost (Anm: Joost van den Broek, Produzent) zusammengearbeitet, um die Aufnahme auf Schiene zu bringen. Am Ende war das für mich wunderbar. Ich hatte in meiner Aufnahmekabine auch Zoom und somit Joost auf dem Tablet dabei. Als wir fertig waren, haben wir die Dateien hin und her geschickt. Ich fand das ziemlich entspannt. Ich konnte morgens mit meinem Lunch-Paket in die Arbeit fahren und war mittags wieder zu Hause. Unser Sohnemann war ja zu Hause, da es keine Schule gab. Da mein Mann auch arbeiten musste, habe ich vormittags meinen Gesang aufgenommen und mein Mann war nachmittags weg. Das hat für uns also wirklich ganz gut geklappt. Mark (Anm.: Mark Jansen, Gitarre und Growls) wiederum wohnt in Sizilien. Er hat zu Hause in seinem Homestudio aufgenommen, das er vor der Pandemie noch mit neuem Equipment ausgestattet hatte. Wir waren also – ohne es wissen zu können – sehr gut für die Pandemie vorbereitet. (lacht)

Sind die Möglichkeiten der Digitalisierung für euch als Band, die in vier Ländern verstreut lebt, eine Chance, neue Wege im kreativen Prozess zu beschreiten?

Simone: Ich fand die Erfahrung, zusammen vor Ort an Songs zu arbeiten, gut. Das hat Spaß gemacht. Das klappt in der Form natürlich nicht immer. Die Mitglieder der Band von meinem Mann (Anm.: Oliver Palotai von Kamelot) wohnen auch in vier verschiedenen Ländern – die müssen auch immer alles digital machen. Und bei ihnen kommt sogar noch der Zeitunterschied dazu. Es ist aber schon vorteilhaft, wenn man zusammensitzt und sich schnell austauschen kann und nicht warten muss, ob das E-Mail nun beantwortet ist oder nicht. So hat man den direkten kreativen Austausch und kommt schneller zum Ergebnis.

Hast du einen persönlichen Favoriten auf dem Album? Und wenn ja: Was zeichnet den Song für dich aus?

Simone: Ich liebe Code Of Life. Das ist einfach ein Song, der mich sofort umgehauen hat – bereits ganz zu Beginn als Demo. Er trifft genau meinen Geschmack. Ich liebe ja diese arabischen Einflüsse und den atmosphärischen Gesang. Der Song hat einen tollen Drive. 

Der Omegapunkt ist End- und Zielpunkt in der theologischen bzw. philosophischen Betrachtung der Evolution. Generell sind deine und Marks Texte tendenziell philosophisch, zum Teil sogar spirituell – haben inhaltlich „schwere“ Themen als Fundament. Philosophie und Spiritualität, sind das Themen, mit denen du dich auch privat auseinandersetzt – oder suchst du hier ganz bewusst eure Musik als Ventil?

Simone: Eher letzteres. Mark ist derjenige, der sich sehr viel für Wissenschaft interessiert – und ich habe mich selber immer als die Philosophin gesehen, die alles in Zweifel zieht. (lacht) Texte schreiben ist eine Art Therapie, man befreit seine Gedanken und bringt sie in die Musik ein. Wir verbringen sehr viel Zeit damit. Das ist ein wichtiger Teil von Epica. Mark und ich teilen uns die Songs auf. Er schreibt die Texte für jene Songs, die er selber komponiert hat – etwa Abyss Of Time, Kingdom Of Heaven oder Twilight Reverie. Da hat er zumeist schon ganz klare Ideen, was er machen will. Ich widme mich den anderen Songs. Wir schauen dann, dass wir zu einem gemeinsamen roten Faden kommen.

Mark erklärte, dass ihr von Anfang an das Live-Erlebnis der Songs auf den Bühnen dieser Welt im Hinterkopf hattet. Die Tour musste nun Covid-bedingt zwei Mal verschoben werden und wird nun erst 2022 über die Bühne gehen – und somit de facto ein Jahr nach Veröffentlichung von Omega. Glaubst du, der Zauber eines neuen Albums kann so lange am Leben erhalten werden?

Simone: Ich habe keine Ahnung. Es ist schon ziemlich traurig, dass wir das neue Album nicht live auf der Bühne promoten können. Aber wir leben in einer seltsamen Zeit und wir müssen uns anpassen. Wenn ich aber sehe, dass auch unsere älteren Songs live nie ihren Zauber verloren haben, bin ich hoffnungsvoll. Aber mit diesem Problem sind viele Bands aktuell konfrontiert. Das ist schade, aber lässt sich nicht ändern.

Wie viel Spaß hat dir denn die Akustikversion von Abyss of Time gemacht?

Simone: Sehr viel. Auch wenn die Aufnahmen dazu etwas stressig waren, da sie im Rahmen eines Blitzbesuchs in Holland im Juni gemacht wurden. Da bin ich mit Stefan Heilemann, der zuständig für unser Artwork ist, nach Holland gefahren. Wir sind dann früh abends angekommen, ich habe die Songs aufgenommen – und bin um 23 Uhr todmüde ins Bett gefallen. Am nächsten Morgen gab es, mit Ausnahme von Mark, ein Fotoshooting mit den restlichen Band-Mitgliedern, damit Stefan alle Jungs fotografieren konnte um das Artwork fertig zu gestalten.

Eine Platte aufzunehmen hat immer sehr viel mit Perfektionismus zu tun, ist teilweise auch langweilig, jedenfalls aber anstrengend, weil man immer wieder das Gleiche wiederholen muss. Bei diesen akustischen Versionen ist das anders. Da nimmt man sich selber nicht so ernst, ist spontan – und möchte trotzdem was Schönes daraus zaubern.

Man stellt sich die Produktion eines Albums als Laie wohl etwas zu romantisch vor – das ist beinharte Arbeit, die auch nicht immer Spaß macht.

Simone: Auf jeden Fall. Ich bevorzuge Live-Auftritte, weil da eine andere Energie da ist. Im Studio fühlt man sich oft am Ende eines Tages fast schon hirntot, weil man immer wieder alles wiederholen muss. Das ist körperlich und auch mental sehr anstrengend. Außer für Ariën (Anm.: Ariën Van Weesenbeek, Schlagzeug), der ist eine Maschine – der macht das alles in drei Tagen. (lacht) Aber Gesang und Gitarre, die Aufnahmen hierfür können schon drei Wochen dauern.

Ihr habt The Phantom Agony aufgenommen, da warst du gerade einmal 18 Jahre jung. Euer Leben hat sich in den darauffolgenden 18 Jahren vollkommen verändert – aber auch die Musikbranche. Die Wertigkeit von Kunst im Zeitalter der Digitalisierung ist eine andere. Alles ist jederzeit und überall verfügbar, größtenteils kostenlos. Wie siehst du diese Entwicklung als Künstlerin, die beide Welten kennt?

Simone: Das ist der Zahn der Zeit. Es werden immer weniger CDs gekauft, Streaming bietet viele Möglichkeiten. Auch ich selber habe irgendwann angefangen, Platten auf iTunes zu kaufen, da es natürlich Zeit spart und du hast deine ganze Musik auf allen Geräten zur Verfügung. Aber ein großes Glück für uns ist, dass Metalheads zum großen Teil Sammler sind und sich nach wie vor CDs und Vinyls kaufen. Wir stecken daher auch sehr viel Liebe in das Design unseres Merchandise.

Bist du selber auch schon auf den Vinyl-Trend aufgesprungen?

Simone: Nein, muss ich gestehen. Ich habe natürlich alle Epica-LPs zu Hause – aber die sind alle noch eingepackt. (lacht)

Die Musik-, und im speziellen die Metal-Branche, zeichnet derzeit generell kein romantisches Bild von sich. Im vergangenen Jahr hat die Causa rund um die Booking-Legende John Finberg für reichlich negatives Aufsehen gesorgt – nun hat Marco von Nightwish im Zuge seines Ausscheidens bei Nightwish zu einem Rundumschlag gegen die Monopolisierung der Kunst und Streaming-Dienste ausgeholt. Wie viel Spaß macht es denn derzeit noch, als Musikerin bzw. Band aktiv zu sein?

Simone: Ich glaube, es ist ein Stück weit einfach der schwierigen Zeit, in der wir leben, geschuldet. Musiker haben während Covid Zeit, nachzudenken. Und man bekommt eine Art Entzugserscheinung. Bands, die sehr viel auf Tour waren, sitzen nun auf einmal zu Hause. Das ist für den Einen angenehm – für den Anderen aber total frustrierend. Ich stecke da ein wenig dazwischen. Wir hatten vor Omega eine Auszeit und meine Batterie war und ist wieder voll. Ich war also bereit, wieder durchzustarten. Auch wenn ich gerne zu Hause bin – ich liebe es zu reisen. Wenn du ein Live-Musiker bist, der touren liebt und dafür lebt, ist es sehr schwierig, mit dieser Situation umzugehen. Ich kenne Marco nicht gut, aber er ist ein netter Kerl. Er ist schon lange als Musiker unterwegs und führt daher ein anstrengendes Leben und einen anstrengenden Lebensstil. Irgendwann geht dann das Feuer einfach aus. Da muss man sich Zeit geben, es wieder zu entfachen. Und bei manchen fällt dann eben doch die Entscheidung, dass es so nicht weiter gehen kann und Zeit für etwas anderes wird. Und wenn du dann noch, wie Marco geschrieben hat, mit Depressionen kämpfst, musst du sowieso handeln.

Wie kann man als Künstlerin diesen Graben zwischen Business und Kunst, den auch Covid derzeit immer tiefer aushebt, überwinden, ohne – wie etwa Marco – am großen Ganzen zu zweifeln?

Simone: Das Geschäftliche interessiert mich ehrlich gesagt sehr wenig. Es gehört natürlich dazu und Epica ist eine große Band geworden. Aber wir haben ein großes Team, das hier mitarbeitet. Das Problem ist vielmehr: Wir hatten den Kreativprozess, die Platte ist fertig – und nun möchte man auf Tour gehen. Jetzt bin ich nicht die Künstlerin, die sagt, ich kreiere stattdessen etwas anderes. Für mich ist nämlich dieser natürliche Ablauf des Kreativprozesses gestört. Ohne die Songs live gespielt zu haben, fühlt es sich ein wenig so an, als ob man es für die Katz‘ gemacht hat.

Dieser Kreativprozess ist also erst dann abgeschlossen, wenn du auf der Bühne das Fan-Feedback bekommst?

Simone: Genau. Die Gewissheit, lange nicht auf Tour gehen zu können, nimmt etwas die Freude am neuen Album. Denn wir sind natürlich sehr stolz auf unser neues Werk.

Neben deiner Arbeit mit Epica bist du als Beauty-, Fashion- und Lifestyle-Bloggerin, Influencerin und Fotografin tätig – und managet zu Hause noch den Alltag mit einem siebenjährigen Sohn, der in Zeiten von Homeschooling wohl nicht weniger anspruchsvoll geworden ist. Wie findest bei diesem Arbeitsaufkommen du die Balance zwischen privat und beruflich?

Simone: Das ist sehr schwierig. Es bleibt sehr wenig Zeit und Freiraum. Ich bin für meine Band sehr flexibel und den Blog mache ich ein wenig nach Lust und Laune. Aber ich merke schon, wenn ich nicht selber etwas kreiert habe, fühle ich mich unausgeglichen. Das ist vielleicht eine Art Künstler-Syndrom, dass man immer etwas schaffen muss. (lacht) Das Schlimmste für mich ist aber, dass mein Sohn, auch wenn er es am Anfang schön fand zu Hause zu sein, nicht in die Schule kann. Es ist schon eine Menge, die im Alltag zu bewältigen ist – aber irgendwie bekommt man am Ende dann doch alles unter einen Hut. 

Simone, vielen Dank für das Gespräch!

Das neue EPICA-Album Omega erscheint am 26. Februar 2021 und kann hier vorbestellt werden.

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