Dark Divas Exclusive

SETYØURSAILS-Frontfrau Jules Mitch im Interview über “Nightfall”, dunkle Lebensphasen und Genre-Schubladen. 

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“Nightfall” ist draußen! Wie habt ihr den Release gefeiert?

Jules Mitch: Wir haben es richtig knallen lassen – mit Kölsch und Leitungswasser! (lacht) Wir haben mit dem Label ein bisschen gefeiert und mit unserem Management geschrieben. Das Album ist schon seit Mitte 2020 fertig, wir mussten also lange aushalten, bis das Ding endlich rauskommen durfte. Dadurch fühlt es sich noch nicht real an. Die Reaktionen, die wir bisher von den Fans bekommen haben, sind total überwältigend. Damit haben wir überhaupt nicht gerechnet. 

Euer Debut hattet ihr 2018 mit “Enough” – was wolltet ihr bei der Produktion von “Nightfall” anders machen? 

Jules: “Enough” war eigentlich ein Haufen unbearbeiteter Demos, die wir in unseren Schlafzimmern aufgenommen hatten. Die haben wir hauptsächlich released, damit wir gebucht werden können. Unser Ziel war immer, einfach zu spielen. Wir haben uns damals nicht wirklich hingesetzt und uns viel Zeit genommen, um die Songs auszuarbeiten. Mit “Nightfall” war das ganz anders. Da hab’ ich mir sehr viel Zeit genommen für die Lyrics. Gefühlt hab’ ich bei jedem Song drei bis vier Mal den Text komplett ausgetauscht. Wir waren außerdem bei Sawdust Recordings – mit denen haben wir intensiv an den Songs gearbeitet und viel dazu gelernt. 

Das merkt man auch! Ein echt starkes Ding, das ihr da abliefert. Drums, die ins Mark gehen, viele harte Gitarrenriffs und deine Vocals, mit denen du uns die Texte förmlich um die Ohren schmetterst. Ihr habt die neue Platte mal als “düster und laut, aber ehrlich” beschrieben. Sind das Eigenschaften, die du dir selbst auch zuschreiben würdest? 

Jules: Ja, voll! Das Album ist extrem persönlich geworden. Die Songs sind entstanden, da hatten wir noch keine Ahnung davon, dass wir einen fetten Plattenvertrag (Anm.: Seit 2021 bei Napalm Records) unterschreiben würden. Und ich glaube, das ist auch der Grund dafür, dass es so persönlich ist – da war kein Druck dahinter. Ich hab’ einfach darüber geschrieben, was ich gerade durchmache – eher nur für mich. Als es dann hieß, Napalm will uns signen, weltweiter Deal, war das für mich schon ein bisschen beängstigend. Die Texte sind für mich wie eine Art Tagebucheintrag. Da stehen Sachen drin, die ich noch nie geschafft habe auszusprechen. Aber um nochmal auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen: Ja, ich bin ein sehr düsterer Mensch. Ich liebe alles, was creepy ist – Adams Family, Monster, Vampire. Düster, laut und ehrlich sind schon Eigenschaften, die mich beschreiben. 

Apropos Signing: Wie kam der Deal mit Napalm Records zustande? 

Jules: In unseren Anfängen haben wir beim Reload Festival Bandcontest mitgemacht, weil wir wussten, da bekommen wir nicht nur einen 50 Euro Musicstore Gutschein, sondern dürfen auf dem Festival spielen. Das war für uns als Mini-Pups-Band natürlich perfekt (lacht). Wir haben das Ding total überraschend gewonnen und daraufhin kam unser jetziges Management auf uns zu. “Nightfall” war irgendwann fertig und unser Team meinte: “Wir finden die Platte so geil, wir schicken die an verschiedene Labels und schauen einfach mal, was passiert.” Eine Woche später kamen verschiedene Anfragen zurück. Als wir Napalm Records gelesen haben, konnten wir es erst kaum glauben: “Hä? Napalm? Wirklich das Napalm, das man kennt?” Wir haben sofort zugesagt.

Was das wirklich für uns bedeutet, hat keiner von uns realisiert, als wir den Vertrag unterschrieben haben. Die promoten uns überall, wo sie können. Und dann eben zu checken, dass meine sehr persönlichen Texte in die Welt hinausgetragen werden, das war schon heftig. Jetzt sind sie überall, jeder kann sie lesen. Aber: Die Songs, die mir als Teenager am meisten geholfen haben, waren immer die, die ehrlich geschrieben waren. Und wenn ich auch nur einen Menschen da draußen erreiche, der sich mit meinen Texten identifizieren kann und sich verstanden fühlt, ist mein persönliches Ziel erfüllt.

Wenn das Album so emotional ist, kannst du uns sicher verraten, welcher Song am tiefsten bei dir blicken lässt.

Jules: “Secrets“, “Why” und “Deadline” – das sind Songs, die persönlicher nicht sein könnten. “Deadline” umschreibt perfekt mein Mindset. Aber ich hab’ mir lange gedacht, dass der Song irgendwie nicht zu SETYØURSAILS passt. Er war mir zu poppig, zu wenig Metal. Im Kontext des kompletten Albums, das all die Stimmungsschwankungen widerspiegelt, mit denen man kämpft, wenn man mit Depressionen zu tun hat, passt er jedoch gut. Du bist halt nicht immer nur traurig oder nur aggressiv. Das ist ein Auf und Ab. Auch “Nightfall” liegt mir sehr am Herzen. “Nightfall” beschreibt, dass man in der Depression oft in Dunkelheit lebt und die Sonne scheut. Dass die Dunkelheit beinahe anziehend auf einen wirkt, weil man sie schon gewohnt ist. Man fühlt sich so sicher darin, dass man eher in ihr versinkt, als sich ihr zu stellen. 

Ihr covert auf dem neuen Album gemeinsam mit Mike Perez (No Bragging Rights) “Shallow” aus “A Star Is Born” von Lady Gaga und Bradley Cooper. Warum genau diese Nummer? 

Jules: Eines Abends hat mich unser Manager angerufen. Er war mega euphorisch und meinte: “Ey Jules, ich hab’ grad Shallow gehört – das wäre so geil, wenn ihr das covern könntet, das würde sicher voll passen!” Ich kannte den Song natürlich und hab’ auch den Film gesehen. Ich hab’ mich eine Woche stark mit dem Song auseinander gesetzt und dachte mir: “Ja, ist eigentlich ganz geil.” Es ist ein guter Song. Und wir sind eine Band, die sich nicht davor scheut, auch mal Genres zu vermischen. Also haben wir uns mit unserem Produzenten hingesetzt und das Ding umgeklatscht. (lacht) Es war ultracool, den Song einzusingen – hat Bock gemacht! Und dann auch noch Mike, einen meiner absoluten Lieblingssänger, dabei zu haben, war natürlich mega. 

Ihr werdet häufig als “Rising Stars” des Metalcore bezeichnet – was hälst du davon? 

Jules: Ich glaube die Leute brauchen Schubladen. Die müssen immer wissen, womit sie es zu tun haben. Die müssen sagen können “Das ist jetzt das und das“, damit sie die Musik irgendwo einordnen können. Aber es ist tatsächlich ultra schwer unseren Sound zu beschreiben. Nach unserem Genre werden wir oft gefragt – aber keine Ahnung! (lacht) Je nachdem, wie man es interpretiert, könnte man alle unsere Songs auch in Popsongs umstylen, weil die Chorusse schon sehr poppig sind. Unsere Songs sind alle unterschiedlich. Ich würde sagen: Ein poppiges Melodic-Post-Hardcore-Zeugs. Aber wenn die Leute es als Metalcore bezeichnen wollen – gerne. Ich bin absoluter Metalcore-Fan. 

Kommen wir gleich zur nächsten Schublade: Als Frau im Metal wird man gerne direkt in die Symphonic-Schublade geschoben. Du bist jedoch eine derjenigen, die screamt. Grad in Songs wie “Fckoff” bekommt man die volle Wucht deiner Stimme auf die Ohren. Wieso wolltest du die härtere Schiene fahren? 

Jules: Mein Vater hat schon immer heavy Musik gehört. Der hat Zuhause immer richtig laut aufgedreht. Ich bin mit AC/DC, Iron Maiden und Co. aufgewachsen. So bin ich schon ziemlich früh zur härteren Musik gekommen. Den Schlüsselmoment, dass ich selber shouten und screamen will, hatte ich, als ich mal mit meinem besten Freund im Auto saß. Er hat mir eine neue Band gezeigt: Beartooth. Im Song “The Lines” gibt es eine Stelle, da wechselt Sänger Caleb Shomo vom Clean-Gesang in einen richtig krassen Shout-Part. Als ich das gehört hab’, war das wie so ein Blitz in meinem Kopf. Ich dachte “Krass, was ist das denn?!”, weil das das erste Mal war, dass ich jemanden wirklich richtig schreien gehört habe. Das ist laut, das ist verzweifelt. Ich fand das faszinierend, wie man damit Emotionen rüberbringen und Schwere in die Lyrics legen kann. Das war der Moment, bei dem ich mir gesagt habe, dass ich das lernen und können muss. 

Wie lernt man das – hast du einen Tipp für Leute, die am Anfang stehen? 

Jules: Das ist viel Training! Es gibt eine DVD die heißt “The Zen of Screaming” von Melissa Cross – sie ist der Vocal-Coach schlechthin für alle bekannten Sängerinnen und Sänger im Metalcore. Sie beschreibt, wie du das lernst, wo das herkommt, Atemtechniken und so weiter. Ich hab’ auch viele YouTube-Videos dazu geguckt. Das wichtigste ist wirklich das Warmup. Du kannst nicht einfach kalt drauf los schreien. Wenn du nicht warm bist und nicht weißt, wo du die Stimme her holst und wie du atmest, dann machst du dir die Stimmbänder kaputt. Man sollte sich damit beschäftigen und viel üben. Es ist auf jeden Fall extrem anstrengend.

Gibt’s neben Beartooth weitere Interpreten, die dich inspirieren und vielleicht schon seit deiner Jugend begleiten? 

Jules: Ja – Ich höre gefühlt seit 30 Jahren die gleichen fünf Bands (lacht). Da haben wir eben Beartooth, AC/DC, Paramore, Stray from the Path und No Bragging Rights. Eine Band die ich grad kürzlich entdeckt habe, ist Normandie. Sehr, sehr geile Truppe! Ich glaube man hört auch in unserer Musik, welche Bands mich inspirieren. Die Refrains sind beispielsweise Paramore-mäßig angehaucht. Der Rest erinnert an Beartooth. Und es sind auch ein paar rock ‘n’ rollige Sachen dabei. 

Abseits von der Musik bist du Erzieherin. 

Jules: Genau! Tagsüber verbringe ich die Zeit mit den Kiddies und am Abend sitze ich zuhause und schreibe Songs. (lacht) Die Kids feiern das total, die finden das cool und haben teilweise auch Bandshirts von uns an.

Eine etwas persönlichere Frage zum Abschluss: Du hast dich 2020 ein ganzes Jahr lang von Instagram und Co. verabschiedet. Was hat dir das Jahr ohne Socials gegeben?

Jules: Das war genau die Zeit, zu der “Nightfall” entstanden ist. Da ging es mir nicht gut und ich habe gemerkt, dass mir der Druck, immer gut drauf und präsent sein zu müssen, zu viel wird. Ich dachte mir dauernd: “Wofür? Wir haben eh nichts, was demnächst rauskommen soll. Also fuck it.” Ich hab’ mich von allem distanziert, um den Kopf frei zu bekommen, die Songs fertig zu stellen und mich um mich selbst kümmern zu können. Ich kann es jedem empfehlen, der mit Depressionen zu tun hat. Ab und an muss man sich einfach mal abkapseln, von dieser ganzen Fake-World. Es ist geil, ein ganzes Jahr Social-Media-Detox zu machen. Hat gut getan. Aber jetzt ist das Album draußen. Wir wollen das promoten, wir wollen  zurück auf die Bühne und wir wollen wieder sichtbar sein. 

Konzerte und Gigs geben, auf der Bühne stehen – das war die vergangenen zwei Jahre aufgrund der Pandemie ziemlich schwierig. Jetzt habt ihr eine Tour mit Annisokay geplant. Ist das etwas, auf das du dich 2022 am meisten freust?  

Jules: Ja – ab auf die Bühne. Ich hab’ keinen Bock mehr, zuhause zu sitzen. Wir wollen raus und spielen.

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